Speisen sind Momentaufnahmen eines Lebenszyklus – und vergänglich. Der Künstler Daniel Spoerri greift diesen Gedanken in seinen Bildern und Skulpturen auf und hinterfragt Kochen, Essen, Geschmack und Gewohnheit. Seine Interpretationen zeigt er in der von ihm geschaffenen »Eat.Art«.

Text: Christoph Grabuschnig
Fotos: Philipp Wagner, Barbara Räderscheidt, Rita Newman

 

Kaum ein Thema bietet mehr kontroversielles Potenzial als zeitgenössische Kunst. Einigkeit herrscht wohl lediglich über die Erkenntnis, dass Geschmäcke verschieden sind. Diese Tatsache allein verbindet Essen und Kunst jedoch noch lange nicht miteinander. Zumindest nicht, wenn es nach Daniel Spoerri geht. Der rumänischstämmige, in Österreich und Italien schaffende Künstler beweist durch seine bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema Ernährung, dass Essen selbst Kunst ist.

Ein Moment Tischkultur
1930 in Galati, Rumänien, geboren, kam Spoerri über Umwege zur Kunst. Heute gilt der Begründer der »Eat.Art« als Vorreiter und wichtigster Vertreter einer künstlerischen Nische. Mit seinen dem »Nouveau Réalisme« zuzuordnenden sogenannten Fallenbildern rückte Spoerri bereits in den frühen 60er-Jahren in den Fokus der Öffentlichkeit – noch heute zählen diese Werke zu seinen künstlerischen Aushängeschildern. Wie in einer Falle fängt Spoerri mit abgegessenen Esstischen ein Stück Alltagsrealität ein. Der Künstler tritt – so seine These – in den Hintergrund, die Realität allein rückt in den Vordergrund. Und in der Realität besteht die Momentaufnahme einer festlich gedeckten Tafel aus chaotisch arrangierten Tellern, halb leeren Gläsern, zerknüllten Servietten und Speiseresten, die das Tischtuch zieren. Diesen Moment des Zelebrierens der eigenen Tischkultur will Spoerri dokumentieren. Und betont, auch einen »Zeitpunkt der eigenen Lebensgeschichte an der Wand« festzuhalten. 

Spoerris Fallenbilder sind mittlerweile zu seinem Markenzeichen geworden. Aber sein ganzes Leben »nur schmutziges Geschirr aufzukleben«, wie er es formuliert, reichte ihm nicht. Er nahm sich eine Auszeit auf der griechischen Insel Symi, eröffnete nach seiner Rückkehr 1970 in Düsseldorf ein Restaurant und die »Eat.Art Gallery« und schuf sich neue künstlerische Ausdrucksformen. Er bedient sich zum Beispiel dem Palindrom – grammatikalischer Fachausdruck für einen Satz oder ein Wort, das vorwärts wie rückwärts zu lesen ist – im kulinarischen Sinne. 

Spoerri vertauscht Speisenabfolgen, täuscht den Augen andere Reize vor, als Zunge und Gaumen wahrnehmen. Er serviert Mokka, der sich als kräftiges Süppchen entpuppt, nach Fisch schmeckende Torten, Kartoffelbreieis mit Fleischpralinen. Mit dieser bewussten Verfremdung von Speisen stellt er gewohnte Traditionen auf den Kopf. Im Zentrum seines Schaffens steht dabei die Frage: »Was ist überhaupt essbar und wie funktioniert der Geschmacksinn des Menschen?«

Brotteigobjekte und Küche der Armen
Spoerri setzte sich immer wieder kritisch mit dem Thema Essen auseinander. »Die Überfluss- und Konsumgesellschaft, die wir uns angewöhnt haben, immer weiter anzukurbeln, erhält immer wieder Schocks, heilsame Schocks, wie ich glaube«, konstatierte er einst. In Banketten inszenierte er per Losentscheid ein Menü für die »Armen« und eines für die »Reichen«. In seinen Brotteigobjekten geht er der Frage nach, ob es tatsächlich eine größere Tabuverletzung sei, Abfall in Brot zu verbacken, als Brot in den Abfall zu geben. Auch damit spricht er, damals wie heute, die Probleme der modernen Wegwerfgesellschaft an.

Heimatlos in Österreich
Spoerri selbst bezeichnet sich als heimatlos, im Jahr 2006 ließ er sich dennoch in Österreich nieder. Neben einer Wohnung in Wien betreibt er in Hadersdorf am Kamp ein Ausstellungshaus; dazu gehört auch ein kleines Restaurant, dass allerdings nicht von ihm selbst, sondern von einer einheimischen Pächterin geführt wird. Das Ausstellungshaus in Hadersdorf beheimatet neben Werken Spoerris auch solche von Künstlerfreunden, die in Wechselausstellungen gezeigt werden. Aktuelle Werke aus Spoerris neuer Serie an Assemblagen mit Küchengeräten – »Il Bistrot di Santa Marta« – sind derzeit ebenfalls ausgestellt. Geöffnet ist das Museum von Donnerstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr. Das Lokal, unter Führung von Helga Maissner, ist seit dem 29. Mai 2014 donnerstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

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